Lenbachhaus München: Joseph Beuys: Einwandfreie Bilder

München. – Wer in München und Umgebung wohnt oder wen der Weg demnächst in die bayerische Landeshauptstadt führt, sollte einen Besuch im Lenbachhaus einplanen. Beuys-Arbeiten auf Papier aus der Sammlung des Münchner Verlegers Lothar Schirmer sind erstmals in einer umfassenden Ausstellung zu sehen.

Die Zeichnungen sind in die typischen Beuys-Themenkreise gegliedert: Natur, Landschaft, Tier, Mensch. Dazu kommen gezeichnete Form- und Materialstudien und Skulpturenentwürfe.

Zwei Exponate ragen heraus: „Zusammenarbeit mit Wenzel“ und „Ohne Titel“ von 1947.

Wenzel heißt der Sohn von Eva Wurmbach-Beuys und Joseph Beuys. Als der Sohn fünf Jahre alt war, haben sein Vater und er 1966 gemeinsam zwei Zeichnungen angefertigt. Auf das erste Blatt schreibt der Künstler ähnlich einer Überschrift „Vorwort zur ersten Auflage“, unmittelbar darunter kopiert Wenzel das väterliche Schriftbild und zeichnet quasi dessen Handschrift kalligraphisch nach.

Bei „Ohne Titel“ handelt es sich um eine Art von Speisekarte aus einer Zeit – 1947 – , als von einem Wirtschaftswunder noch keine Rede sein konnte und viele Menschen im in Trümmern liegenden Deutschland hungerten. Der Zweite Weltkrieg war gerade knapp zwei Jahre zu Ende. Mit Bleistift auf Papier bzw. mit Aquarellfarbe und Kopierstift hat Joseph Beuys eine Liste von Lebensmitteln geschrieben. Wir lesen beispielsweise Feigen Datteln, Muskatblüten, Orangenblütenwasser, Birnkraut, Leinöl, Maggi, Haferflocken, Muskatblüten, Büchsenmilch, Safran, Cocosraspel, Melone … Als sein Sohn auf der Welt war, hat Beuys die Zeichnung als „Speisekarte für Wenzelchen“ benannt. 

JOSEPH BEUYS zeige deine Wunde, 1974/75 © Joseph Beuys Estate/VG Bild-Kunst, Bonn 2015 Foto: Florian Holzherr Städtische Galerie im Lenbachhaus, München

Beuys war stark von der Lehre Rudolph Steiners beeinflusst und glaubte daran, dass die Welt als Ganzes beseelt sei und z.B. alle Tiere Katalysatoren der menschlichen Evolution seien: „Die Tiere haben sich geopfert, damit die Menschen zustande kommen konnten.“

Fasziniert war er von Hase, Hirsch, Elch, Schaf, Biene, Schwan. Er hat einmal scherzhaft (?) gesagt: „Ich bin kein Mensch, ich bin ein Hase“. In der Ausstellung sind mehrere Hasen-Werke zu betrachten wie Steinhase, Schablone für Steinhase/Goldhase und Steinhase/Goldhase mit Stempel „Europa-Parlament wählt die Grünen“ (Beuys war bis zu seinem Tod 1986 Mitglied dieser Partei).

Nach Beuys‘ Auffassung wirkt in jedem Sein gleichrangig das „AllEine“: Mineral, Metall, Kristall, Pflanze, Tier, Gesellschaft, Chaos und Kosmos und mitten drin der Mensch als Teil dieses Puzzles. Geschöpft werde das Leben aus der Wärme der Urmaterie. Wärme in Form von Fett und Filz spielt bekanntlich eine Hauptrolle im Oeuvre des Künstlers.

Auch für dieses Thema gibt es unter der Überschrift „Mensch – Figur“ eine Reihe von Werken zu entdecken, so u.a. ein liegender weiblicher Akt als Marionette von 1956 und das undatierte „Geysir, Blume, Jungfrau“ (Tinte und Stempel auf Papier).
Autorin: Doris Losch

Lenbachhaus München: Joseph Beuys: Einwandfreie Bilder 1945 – 1984, Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Lothar Schirmer, 14. November 2017 bis 18. März 2018. Kuratiert ist die Schau von Eva Huttenlauch, Matthias Mühling, Lothar Schirmer. Der Katalog kostet 39.80 Euro.


Weitere Informationen:
www.lenbachhaus.de

Titelbild: JOSEPH BEUYS Bienenkönigin I © Joseph Beuys Estate/VG Bild-Kunst, Bonn 2015. Foto: Mario Gastinger, Photographics, Munich Städtische Galerie im Lenbachhaus, München Dauerleihgabe Lothar Schirmer